Wikipedia schreibt zu „Echtheit“ oder „Authentizität“: „Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden.“
Es wird also angenommen, dass Schein und Sein sich unterscheiden können. Der Gesprächspartner merkt zum Beispiel an der Körpersprache, an Mimik und Gestik, dass irgendwas nicht (überein-) stimmt.
Inzwischen gibt es ganze Bücher darüber, wie man Lügner entlarvt – aber selbst diese Experten weisen darauf hin, dass Lügner sehr gute Schauspieler sein können. Sie können sich derart in ihre Lüge hineinversetzen, dass sie echt wirken.
Hier wird also unterstellt, dass Echtheit/Authentizität gleich Ehrlichkeit ist. Okay.
Aber Echtheit kann auch als „Sei spontan!“ verstanden werden.
Zum einen als „Sag alles, was Dir in den Sinn kommt!“ Und da kann man Sachen über sich sagen, die man später bereut. Man verwechselt Echtheit mit Offenheit, die bis zur naiven Selbstentblößung führen kann.
Also sollte man sich sehr wohl überlegen, ob und was man sagt.
Spontan kann im Extremfall heißen: Handle im Affekt! Und das kann ja nun auf keinen Fall gemeint sein.
Gerade wenn wir uns kritisiert oder angegriffen fühlen, verärgert, sogar wütend sind – gilt die Empfehlung: Ruhig Mut! Auszeit! Sich beruhigen, herabkommen!
Das ist einfach gesagt und braucht viel Training.
In solchen Situationen ist spontanes Verhalten oft kontraproduktiv, bewirkt das Gegenteil von dem, was wir wollen. Gegenangriff, Verteidigung oder Flucht sind die Normalreaktionen auf Angriff oder Kritik – und manchmal sind auch sie angemessen. Aber überwiegend gilt hier, dass man auf einer sachlichen Ebene reagieren sollte.
Es gibt auch kein stets einziges, konstantes ICH: Wir verhalten uns je nach Situation unterschiedlich. Als Schüler im Unterricht verhalten wir uns anders als im Gespräch mit unseren Geschwistern oder mit Freunden. Soziologen sprechen von „Rollenverhalten“. Wir erfüllen dann Erwartungen an unser Verhalten.
Je nach Situation können wir auch mal der Friedensstifter sein oder der Polizist, der Psychologe oder der Oberlehrer, der Verständnisvolle und der Feind, der Zuhörer und der Plauderer. Der Psychologe Schulz-von-Thun spricht hier vom „Inneren Team“, das je nach Situation bestimmte Mitglieder auf der Bühne auftreten lässt. Der Philosoph David Precht schrieb ein Buch dazu: „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“.
Wir verhalten uns meist spontan und rollenkonform.
Ab und zu sollten wir jedoch überdenken, wie unser inneres Team aussieht. Gibt es da welche, die öfter mal auf die Bühne sollten?
Hat bei uns der Vielredner vielleicht ständig die Hauptrolle und sollte der aktive Zuhörer mal auf die Bühne – oder ist es eher umgekehrt?
Spielt der Polizist ständig die Hauptrolle – sollten der verständnisvolle Schlichter mal drankommen?
Und wenn wir verärgert sind: Was haben wir herausgehört? Statt Verteidigung – sollten wir eher einmal fragen, was den anderen an uns stört oder dann mit eigenen Worten wiedergeben, wie wir ihn verstanden haben: „Du meinst also, ich sollte hier eher nachgeben.“
Und der Gesprächspartner bestätigt das dann und erläutert es, oder er sagt, dass er es anders gemeint hat.
Ich freue mich auf Kommentare und besonders auf Ihre Beispiele oder Erlebnisse.

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